Warum Weglaufen nicht funktioniert und warum ich es trotzdem tue – Bye, bye Berlin

Was du machst ist Weglaufen – das bringt dir nichts.

sagt mir so ziemlich jeder

Manchmal habe ich das Gefühl immer wenn es bei dir gerade gut läuft tust du etwas Selbstzerstörerisches.

sagte einmal meine Mama

Die Sache mit dem Weglaufen

Tatsächlich bin ich schon öfter in meinem Leben vor Dingen weg gelaufen. Vor unangenehmen Situation, vor Erinnerungen und vor allem: vor mir selbst.

Beim letzten großen Weglaufen vor 2,5 Jahren habe ich mein Leben in Süddeutschland und meine Arbeit in der Schweiz innerhalb von 4 Wochen komplett aufgelöst um nach Berlin zu kommen. Berlin sollte die Stadt sein in der ich alle meine Träume verwirklichen kann, in der alles perfekt ist. Ich perfekt bin, mein Leben perfekt ist und auch mein Job. Natürlich sind mein Freund und meine Freunde hier auch perfekt – was sonst?

Tatsächlich wurde mir erst ein halbes Jahr später klar, dass ich weggelaufen war und auch wovor: einem Perfektionismus der mich kaputt machte. Einer chronischen Überforderung ausgelöst durch meine unerfüllbar hohen Ansprüche, an alles und vor allem mich selbst.

Nachdem ich das erkannt habe ist mir auch diese Einsicht gekommen:

Das Problem am Weglaufen ist: Du nimmst dich selbst und all deine Probleme immer mit. Denn die Probleme entstehen IN dir.

Der Traum vom Neuanfang als weiß beschriebenes Blatt ist verlockend süß.
Und dennoch nutzt Weglaufen nichts. Mir hat es nie etwas gebracht und vermutlich auch keinem anderen. Alles wird dich irgendwann einholen und dann ist die Ernüchterung groß. Ausgeträumt der Traum. Wenn du das Glück nicht in dir finden kannst, dann bringt auch eine neue Umgebung nichts.

Besser Weglaufen

Und trotz all meiner Einsichten tue ich es wieder. Ich laufe weg. Doch diesmal anders. Diesmal mit Vorsatz.

Längst habe ich alle meine Sachen verkauft, meine Wohnung aufgegeben und mich nach und nach von meinen Bekannten getrennt. In Kürze werde ich Berlin verlassen. Aus der Traum vom perfekten Leben in der Hauptstadt.

Nun muss ich mir oft anhören ich würde ja wieder nur vor mir und meinen Problemen davon laufen. Aber diesmal ist es anders. Absicht.

Bewusstsein

Ich weiß diesmal sehr genau, dass nicht alles perfekt ist wenn ich woanders sein werde. Ich bin mir bewusst, dass sich die Themen und Herausforderungen in meinem Leben nicht ändern oder auflösen werden. Ich weiß, dass ich egal an welchem Ort wieder damit konfrontiert werde. Ich gebe mich nicht der Illusion hin alles hinter mir lassen zu können.

…because I can

Bitte gib mir die Kraft zu ändern was ich ändern kann, zu akzeptieren was ich nicht ändern kann und die Intelligenz das eine vom anderen zu unterscheiden.

Ich kann gehen, weil es einfach für mich ist. Ich habe keinen festen Job, keine Familie, keine finanziellen Verpflichtungen. Wenn ich diese Möglichkeit nicht hätte, dann würde ich (hoffentlich) die Situation akzeptieren und das Beste draus machen. Denn etwas zu ersehnen was nicht realisierbar ist macht nur eins: unglücklich.

Dankbarkeit

Auch wenn ich diesen Ort erst einmal verlasse bin ich sehr dankbar für alles was hier passiert ist.
Mir ist klar, dass nichts und niemand Schuld daran hat, dass ich gerne Weglaufen möchte. Ich fühle mich im Moment hier einfach nicht wohl. Es passt gerade nicht.

Danke an die vielen Menschen hier, die mir so vieles ermöglicht haben. Besonderen Dank an meinen Exfreund, der mich in all den Tiefen ertragen hat. Danke auch an meinen ehemaligen Chef, der mir ebenfalls in all den Tiefen ertragen hat und mir ermöglicht hat den Beruf auszuüben, dem ich weiterhin nachgehe. Danke an alle meine lieben Yogalehrer, die mich so sehr in meiner Entwicklung gefördert haben. Und vielen Dank an alle Alternativen, Hipster, Internationals, Latte-Macchiato-Mütter und Mitte-Schickies dass sie Berlin zu dem machen was es ist! Eine Stadt in der jeder sein kann wie und was er möchte. Eine Stadt in der man sich gut in der Anonymität der Masse verstecken oder seinen Platz finden kann.
Liebes Berlin, es ist nicht deine Schuld, dass es zwischen uns nicht geklappt hat. Vielleicht versuchen wir es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal.

Reflexion

Als weiterer Punkt auf der „richtig“ Weglaufen Liste findet sich die Selbstreflexion. Wichtig ist darüber nachzudenken warum man das Bedürfnis hat wegzulaufen um sich den Themen des eigenen Lebens bewusst zu werden.

Und jetzt kommt der Punkt an welchem ich lange darüber nachgedacht habe wie weit ich die Hosen tatsächlich runter lasse. Aber wozu mache ich das hier alles wenn ich nicht bereit bin alles Preis zu geben?

Ich laufe weg vor den Erinnerungen der letzten 2,5 Jahre. Eine Zeit in der ich mich sehr weiterentwickelt habe und gewachsen bin. Eine Zeit, die mich zur Weiterentwicklung und zum Wachstum gezwungen hat weil ich mich selbst aufgegeben hatte. Eine Zeit in der ich den Sinn allen Daseins, besonders aber meines eigenen oft in Frage gestellt habe.
Erinnerungen an den Menschen, der ich einst war als ich hier her kam und der ich zwischendurch war als es mir sehr schlecht ging. Erinnerungen an einen Traum den es nicht mehr gibt. Erinnerungen an eine Einsamkeit obwohl ich niemals alleine war.

Und vor was läufst du so davon?

Bleib gesund!
Judith

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