Ich wär mit dir so gerne abgehauen… – Über Flucht, das Alleinsein und Neuanfänge

Ich lasse alles und jeden hinter mir. Fahre an den Flughafen und kaufe mir ein Ticket nach irgendwo. Mit nur meinen Kleidern am Leib steige ich in den Flieger und am Zielort wieder aus. Dort fängt ein neues Leben an. Das alte Leben hat es nie gegeben.
Einfach abhauen, ausreißen, die Fesseln durchbrechen. Alles hinter sich lassen, nochmals von vorne beginnen, Vergangenes ungeschehen machen.

einfach abgehauen…

Früher habe ich des öfteren davon geträumt diesen Traum wahr werden zu lassen. Ab und zu überkommt mich das Bedürfnis heute noch. Manchmal scheint Flucht eben der Ausweg mit geringstem Widerstandes zu sein.

Kennst du dieses Gefühl auch? Möchtest du manchmal die Flucht aus deinem eigenen Leben ergreifen?

Schon mehrmals in meinem Leben bin ich geflüchtet. Nie so drastisch wie oben beschrieben aber dennoch. Einmal habe ich ein gesetztes Leben am Bodensee aufgegeben und innerhalb 4 Wochen meinen Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegt. Ich habe Wohnungen, Versicherungen und Arbeitsgenehmigungen für die Schweiz gekündigt. Alle Dinge meiner 2-Zimmer-Wohnung und meinen damaligen Freund eingepackt und von vorne angefangen.
Wurde dadurch alles besser? Hat mir der Job weniger Stress bereitet? War ich zufriedener mit mir selbst? Nein.
Das Problem ist: man nimmt sich selbst ja immer mit. Deswegen ist Flucht auch keine Lösung und kein Ausweg. Es ist nur die Möglichkeit Dinge länger zu verdrängen. Wenn sie dann zurück kommen, kommen sie dafür richtig.

… mit dir.

Noch bevor ich wirklich das Haus verlasse um an den Flughafen zu fahren und ins Nirwana zu reisen überkommen mich die Gedanken:
Ich bin einsam, alleine und keiner passt auf mich auf. Was wenn ich mir ein Bein breche, keine Unterkunft finde, mir das Geld ausgeht? Wen rufe ich an, wenn ich etwas mitzuteilen habe? Wer teilt gute und schlechte Zeiten mit mir?

Lässt du dich auch oft vom Alleinsein verunsichern? 

Diese Ängste relativiere ich gerne dadurch, dass ich mir ein Abhauen mit einem anderen Menschen zusammen vorstelle. Es gab mehrere Menschen in meinem Leben mit denen zusammen ich von so einem Ausstieg geträumt habe.
(An dieser Stelle Grüße ich Tarzan und den Bully Liebhaber. Meldet euch mal bei mir!)
Zusammen wär ja alles schöner und leichter. Zum Glück (oder leider?) waren das immer nur Träumereien. Keiner dieser Menschen hatte genug Aktionismus in den Knochen um es durchzuziehen. Ich hätte es getan. Hätte ich diese schreckliche Angst vor dem Alleinsein nicht gehabt, hätte ich jemanden an meiner Seite gehabt, hätte ich es getan.

Gut, dass es nie jemanden gab der das so mit mir durchgezogen hat. Denn:
Gern unter Menschen sein und nicht allein sein können sind sehr unterschiedliche Dinge. Ich weiß mittlerweile, dass meine Angst vor dem Alleinsein daher rührt, dass dann Dinge in mir hochkommen mit denen ich mich bisher nicht beschäftigen wollte. Diese Dinge sollten nicht verdrängt sondern verarbeitet werden um mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Flucht light: Der Neuanfang.

Das Ende eines Lebensabschnittes bereitet mir Probleme. Mich überkommt ein beklemmendes Gefühl in Bauch und Kehle, da es jetzt endgültig vorbei ist. Der Point of no Return ist sehr schmerzhaft für mich. Ich freue mich auf neue Dinge die kommen und doch ist es schwer das alte gehen zu lassen. Ich fühle mich leer. Ich versuche nicht an die schönen Zeiten der Vergangenheit zu denken um diesen nicht nachzutrauern. Ein Wechselbad der Gefühle.

Kennst du das Gefühl des Neuanfangs? Eine Mischung aus Vorfreude, Neugier und Melancholie?

Auch ohne Flucht kommt eins immer wieder: Der Neuanfang. Lebensabschnitte gehen zu Ende und leiten neue ein. Ausbildungen enden. Beziehungen zerbrechen. Wohnorte müssen gewechselt werden. Manchmal ist ein Neuanfang eine bewusste Entscheidung, manchmal eine unweigerliche Konsequenz.
In den letzten Monaten dachte ich häufig an Flucht und woher dieser Wunsch danach kommt.
Die Beendigung einer knapp 3-jährigen Beziehung hat mir dann die Fluchtgedanken genommen und einen Neuanfang geschenkt. Dieser Neuanfang tut weh. Er vereint den süßen Traum der Flucht und die Angst vor der Einsamkeit. Beides in light.

Ich bin sehr stolz auf mich, denn: Ich bin nicht geflüchtet. Mit niemandem abgehauen. Ich habe dem Drang widerstanden. Was jetzt kommt ist: Der Neuanfang. Eine neue Gelegenheit daran zu arbeiten, dass ich nicht mehr flüchten möchte und auch keine Angst davor habe alleine zu sein.

Bleib gesund!
Judith

P.S.: Mein persönlicher Soundtrack zu diesem Post:

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